Nostalgie



Fabian und Christoph

Studenten mit Retro-Brille, Besucher von Oldtimer-Treffen und Deep-Purple-Konzerten – alles nur rückwärts gewandte Realitätsverweigerer, die der guten alten Zeit“ hinterher trauern? Was spricht für, was gegen Nostalgie? Fabian und Christoph diskutieren.

Fabian: Pro

Als Nostalgiker zählten über Jahrhunderte die von Heimweh und Schmerz geplagten Menschen. Das sind Nostalgiker heute nicht mehr, dennoch gelten sie weiterhin als wehmütig und hinterhertrauernd.

Oft spricht man von Gegenwartsflucht. Nostalgiker würden nicht nach vorne schauen, sondern seien rückwärtsgewandt und empfänden die Vergangenheit immer als die schönere und bessere Zeit, kritisieren viele.

Aber seien wir mal ehrlich. Liebhaber von VW-Bullis etwa leben genauso in der Gegenwart und sind noch lange keine Fortschrittsverweigerer nur wegen ihres Oldtimer-Faibles. Es geht ihnen genauso wie Freunden von Retro-Brillen oder alten Kleidern nicht um eine Flucht aus der Realität. Sie erfreuen sich ganz einfach daran in der modernen, digitalen, teils futuristischen Welt des Kapitalismus einen Hauch von Erinnerung, Tradition und Stabilität beizubehalten.

Partys und Konzerte mit Musik der 1960er und 70er Jahre erfreuen sich einer großen Beliebtheit unter Studenten. Oldtimer-Treffen gibt es trotz Abwrackprämien, Traditionsrennen im Rad- und Motorsport finden in ganz Europa statt. Für Eisenbahnromantiker fahren zahlreiche Nostalgiebahnen durch die Länder. Und jedes Jahr werden neue Wanderstrecken ins Leben gerufen, so etwa eine Route auf den Spuren der geflüchteten Hugenotten und Waldenser um 1700.

Überhaupt ist der Blick in die Geschichte interessant, spannend und lehrreich. Wer nach vorne schauen möchte, sollte sich mit der Historie auseinandersetzen. Das gilt nicht nur politisch, sondern vor allem auch kulturell und künstlerisch.

Italienische Gemälde aus der Renaissance oder spanische Maler aus dem 19. und 20. Jahrhundert prägen bis heute nicht nur die Kunstszene. Im Prinzip sind wir alle Nostalgiker. Ob als regelmäßiger Museumsbesucher oder als Tourist auf Städtereisen. Wir staunen über Kirchen, Klöster und andere architektonische Wunderbauten aus Antike, Gotik, Renaissance oder des Barock.

Dass uns Menschen, Orte und Stile vergangener Epochen beeindrucken, heißt allerdings nicht gleich, dass wir auch gerne zu dieser Zeit gelebt hätten oder gar aus der Gegenwart und vor der Zukunft flüchten.

Christoph: Contra

„Früher war doch alles besser“ – kommt euch dieser Satz bekannt vor? Ich höre ihn regelmäßig von Menschen in der Öffentlichkeit und er kommt mir mittlerweile echt zu den Ohren heraus. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder so denken und fühlen würde? Jedenfalls nicht voran in unserer Gesellschaft.

Sicher, es ist unabdingbar sich mit der Geschichte eines Landes zu beschäftigen und zurückzuschauen auf das, was war. Aber vor allem, um aus den Erfahrungen zu lernen und für die Zukunft die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Ein Leben in der Vergangenheit hat noch niemanden voran gebracht.

Das gilt auch für Bereiche des alltäglichen Lebens, etwa in Modefragen oder bei Revival-Aktionen wie Oldtimer-Treffen. Ob diese Wiederbelebungsmaßnahmen wirklich sinnvoll sind, gegen guten Geschmack verstößen oder gar der Umwelt schaden, interessiert dann plötzlich niemanden mehr. Diese übertriebene Verklärung der Geschichte bedeutet immer auch einen Rückschritt für die menschliche Entwicklung.

Und das ist nun wirklich keine neue Erkenntnis: Schon vor 150 Jahren hat John Stuart Mill, Mitbegründer des politischen Liberalismus, festgestellt, dass Schulterklopfen als Anerkennung für die eigene Leistung der größte Feind des Fortschritts ist und Gesellschaften nur in den Abgrund führt!

Es ist doch viel wichtiger nach vorn zu blicken, denn die Vergangenheit ist geschehen und kann nicht mehr verändert werden. Statt ihr hinterher zu trauern, wäre es sinnvoller, wenn wir unsere kostbare Zeit dafür verwenden, die Zukunft erfolgreich zu gestalten.

Gerade für uns Deutsche sollte diesbezüglich keine große Gefahr bestehen. Schließlich ist unsere jüngere Geschichte überwiegend mit unrühmlichen Ereignissen gepflastert, die keine wirklichen Nostalgie-Wellen auszulösen vermögen. An dieser Stelle ist ein kurzer Blick zurück tatsächlich angebracht, um festzustellen, wie solche Fehler in der Zukunft vermieden werden können.

In einer Hinsicht haben die Nostalgiker völlig recht: Wer, wie sie, dauernd mit weinendem Auge auf Vergangenes zurückblickt, kann in der Gegenwart natürlich nichts besser machen. Und insofern trifft es auch auf sie zu, wenn sie sagen: „Früher war doch alles besser.“

Kommentare

ganz im ernst, jedem dem was er will. wenn es so intolerante , verbissene menschen gibt, die so kleinlich sind und nicht mal sagen können , wie er will, dann ist das deren problem und nicht meins


Morgen ist das Früher von Übermorgen. Insofern ist alles immer auch Vergangenheit, und wer ausschließlich an die Zukunft denkt, flüchtet auch vor der Realität. Sorry, aber der Ansatz pro und contra ist wohl grundsätzlich falsch – es geht nur mit allem zusammen. Oder, ums mit luna zu sagen: jedem das, was er will. Die Welt ist bunt.